Zentrum für Holzdiesel und Holzgas
Im obersteirischen Zeltweg entsteht ein innovatives Forschungszentrum - es verwandelt regionale Biomasse in hochwertigen Diesel und Grüngas.
Der Grundstein für die neue Technologie erneuerbarer Treibstoffe ist gelegt: Christoph Pfemeter, Franz Titschenbacher, Barbara Eibinger-Miedl, Norbert Totschnig, Simone Schmiedtbauer, Josef Bärnthaler und Richard Zweiler (v.l.n.r) © Foto Spekner |
Der Grundstein für die neue Technologie erneuerbarer Treibstoffe ist gelegt: Christoph Pfemeter, Franz Titschenbacher, Barbara Eibinger-Miedl, Norbert Totschnig, Simone Schmiedtbauer, Josef Bärnthaler und Richard Zweiler (v.l.n.r) © Foto Spekner ![[1728282868400560_1.jpg]](https://cdn.lko.at/lko3/mmedia/image/2024.10.07/1728282868400560_1.jpg?1728282872) |
In Zeltweg, mitten in einer
der waldreichsten Regionen
Europas, entsteht das Advanced
Bioenergy Lab (ABL), ein
wegweisendes Forschungsprojekt
zur Nutzung regionaler Biomasse
für die Produktion von
synthetischen Treibstoffen und
grünem Gas. Ab 2025 wird hier
eine Anlage gebaut, die erstmals
unter realen Bedingungen Holzdiesel
und Holzgas herstellt. Das
ABL ist nicht nur ein technisches
Innovationszentrum, sondern
auch ein wichtiger Beitrag
zur Energiewende und zur Stärkung
der regionalen Wirtschaft.
Einzigartiges Konzept
Das ABL nutzt Holzreste und
andere biogene Nebenprodukte
aus der Land- und Forstwirtschaft,
um daraus umweltfreundliche
Energieträger zu gewinnen.
Dabei kommt ein innovatives
Gaserzeugungsverfahren
zum Einsatz, das von der Technischen
Universität Wien entwickelt
wurde. Die erzeugten Gase
sind Grundlage für die Produktion
von flüssigen Treibstoffen,
wie Holzdiesel und Biokerosin,
sowie von hochreinem Gas wie
Methan, das in das Erdgasnetz
eingespeist werden kann.
Die Anlage wird als sogenanntes
"Reallabor" betrieben. Die
Prozesse ähneln einer industriellen
Anlage, jedoch in kleinerem
Maßstab. Die Erkenntnisse
aus diesem Betrieb sollen es ermöglichen,
die Technologie zur
Marktreife zu führen und für
den weiteren industriellen Einsatz
zu skalieren.
"Mit diesem Projekt wird ein
wichtiger Grundstein für eine
nachhaltige, regionale und unabhängige
Energieversorgung
Österreichs gelegt", erklärt Bundesminister
Norbert Totschnig.
Durch die Nutzung von Biomasse
kann Österreich seine enorme
Abhängigkeit von fossilen
Brennstoffen weiter reduzieren
und gleichzeitig heimische
Energieträger fördern.
Bau startet 2025
Ab dem Baubeginn im Jahr 2025
werden vom Betreiberkonsortium
rund 60 Mio. Euro
in Forschung und Infrastruktur
investiert. "Ich bin stolz darauf,
dass wir in der Steiermark wieder
einmal Pioniergeist beweisen
und die erste Anlage zur Gewinnung
von zukunftsträchtigen
Holztreibstoffen und Holzgasen
in Zeltweg entsteht", betont
Agrarlandesrätin Simone
Schmiedtbauer. Der Standort
bietet ideale Voraussetzungen,
da er in der Nähe von großen
holzverarbeitenden Industriebetrieben
liegt und über ein gut
ausgebautes Gas- und Wärmenetz
verfügt, das die effiziente
Nutzung der anfallenden Energie
ermöglicht.
Für die Land- und Forstwirtschaft
bietet die Technologie
enorme Chancen. Durch die Umwandlung von Reststoffen,
die in der Holz- und Landwirtschaft
anfallen, entsteht ein regionaler
Energiekreislauf. Landwirte
können Biomasse zur Herstellung
von Treibstoffen bereitstellen
und so zusätzliches Einkommen
generieren. Gleichzeitig
wird die regionale Wertschöpfung
gestärkt und die Abhängigkeit
von fossilen Brennstoffen
reduziert. Für die Landwirtschaft bieten synthetische
Treibstoffe auch den Vorteil, sie
ohne Umrüstung in bestehenden
Maschinen und Traktoren
einsetzen zu können. Auch für
andere Sektoren, wie Schwer und
Flugverkehr, könnten diese
erneuerbaren Kraftstoffe
eine nachhaltige Alternative
sein. Barbara Eibinger-Miedl,
Landesrätin
für Wirtschaft und
Wissenschaft, sieht das ABL als
einen wichtigen Schritt in Richtung
einer nachhaltigen Industrie:
"Die Dekarbonisierung der
steirischen Industrie ist von besonderer
Bedeutung, wenn die
grüne Transformation gelingen
soll."
Beitrag Energiewende
In Zeltweg entsteht nicht nur ein
technisches Innovationszentrum,
sondern auch ein Beispiel
für die erfolgreiche Zusammenarbeit
von Wissenschaft und Industrie
mit der Land- und Forstwirtschaft.
Durch die Nutzung
regionaler Biomassen und die
Produktion von nachhaltigen
Treibstoffen wird ein wesentlicher
Beitrag zur Erreichung der
österreichischen Energiewende
und zur Klimaneutralität bis
2040 geleistet.
Pfemeter ist Vorsitzender des ABL-Aufsichtsrats © Foto Speckner |
Pfemeter ist Vorsitzender des ABL-Aufsichtsrats © Foto Speckner ![[1728285621325952_1.jpg]](https://cdn.lko.at/lko3/mmedia/image/2024.10.07/1728285621325952_1.jpg?1728285628) |
Ein Schlüssel zur Energiewende
Pfemeter: Nachhaltig und weniger Emissionen
Die Nutzung regionaler Bioenergie
gewinnt zunehmend
an Bedeutung, insbesondere
was die Unabhängigkeit von
fossilen Brennstoffen und die
Reduktion von CO2-Emissionen
anlangt. Bioenergie kann
in Form von Holzdiesel und
grünem Gas entscheidend zur
Energiewende beitragen.
"Bioenergie wird sich
gemäß den Plänen des
Nationalen Energie und
Klimaplans noch
vor Erdöl und Erdgas
zum bedeutendsten
Energieträger Österreichs
entwickeln",
erklärt Christoph Pfemeter,
Vorsitzender des
ABL-Aufsichtsrates. Das Advanced Bioenergy Lab (ABL)
zeigt, wie Holzreststoffe in flüssige
Treibstoffe und Gase umgewandelt
werden können.
Diese synthetischen Treibstoffe
sind essenziell, um schwer
dekarbonisierbare Sektoren
wie die Land- und Forstwirtschaft
oder den Flugverkehr
nachhaltig zu versorgen.
Neben der Einspeisung
ins Erdgasnetz bietet
Holzdiesel die Möglichkeit,
fossile Kraftstoffe
in Fahrzeugen
und Maschinen zu ersetzen,
ohne Anpassungen
an der bestehenden
Infrastruktur vorzunehmen
Zweiler ist
Vorstandsvorsitzender
des
Reallabors © Foto Speckner |
Zweiler ist
Vorstandsvorsitzender
des
Reallabors © Foto Speckner ![[172829266981425_1.jpg]](https://cdn.lko.at/lko3/mmedia/image/2024.10.07/172829266981425_1.jpg?1728292672) |
Eine nachhaltige Treibstoff-Zukunft
Zweiler: Treiben Marktreife von Holzdiesel voran
Die Zukunft des Holzdiesels in
Österreich liegt in der Zusammenarbeit
von Forschung, Industrie
und Holzwirtschaft.
Das Advanced Bioenergy Lab
(ABL) setzt auf die Einbindung
von Unternehmen entlang der
gesamten Wertschöpfungskette
- von der Rohstoffbereitstellung
bis zu Abnehmern
der Produkte. Richard
Zweiler, Vorstandsvorsitzender
des ABL,
betont: "Mit der Errichtung
der Demonstrationsanlage
bündeln
wir die Kompetenzen
aller österreichischen
Forschungspartner und
verhelfen der Technologie
zum Durchbruch." Diese Anlage ist der letzte
Schritt, um marktreife Großanlagen
mit 50 - 100 Megawatt
Leistung zu entwickeln.
Solche Anlagen könnten pro
Stunde etwa 36 t Holz in
synthetischen Diesel umwandeln.
Die genossenschaftliche
Struktur des ABL ermöglicht
es auch der Land- und
Forstwirtschaft, direkten
Zugang zur Energiewende
zu verschaffen.
So wird Holzdiesel
zu einer nachhaltigen
Zukunftslösung,
indem fossile Kraftstoffe
ersetzt und regionale
Ressourcen optimal genutzt
werden.
Reallabor wird als Genossenschaft geführt
Das Reallabor zur Herstellung von
erneubaren Treibstoffen, Advanced
Bioenergy Lab (ABL), wird als Genossenschaft
geführt. Errichtet wird dieses im Holzinnovationszentrum
(HIZ) in Zeltweg.
ABL-Vorstandsvorsitzender ist Richard Zweiler,
Josef Bärnthaler ist ebenfalls Vorstand.
Breit aufgestellt ist auch der Aufsichtsrat.
Den Vorsitz führt Christoph Pfemeter.
Dem Aufsichtsrat gehören auch Vertreter der
Urproduktion, der Industrie und Wirtschaft
sowie der Energieversorger an. Mit dabei
ist auch die Voest sowie die Finanzwirtschaft
mit Wirtschaftsprüfungskompetenz.
Letztere hat die Aufgabe, auf die Wirtschaftlichkeit
und Machbarkeit zu achten.
Möglich wurde die Errichtung der Demonstrationsanlage
durch Unterstützung aus dem
Waldfonds, der steirischen Landesregierung,
der Genossenschafter aus Urproduktion,
Industrie, Brennstoffhandel und anderen.
Titschenbacher:
ABL – engagiertes
Konsortium
schreibt
Energiezukunft © Danner |
Titschenbacher:
ABL – engagiertes
Konsortium
schreibt
Energiezukunft © Danner ![[1728292801063372_1.jpg]](https://cdn.lko.at/lko3/mmedia/image/2024.10.07/1728292801063372_1.jpg?1728292802) |
Ziel sind neun Anlagen bis zum Jahr 2040
Präsident Franz Titschenbacher
ist die treibende
Kraft hinter dem Reallabor.
Wir sprachen mit ihm
über die Hintergründe.
Was treibt Sie als Wegbereiter
dieser Forschungsanlage für
Holzdiesel und Holzgas an?
FRANZ TITSCHENBACHER:
Sehr viele Beteiligte haben am
Zustandekommen dieser speziellen
Forschungsanlage mitgewirkt.
An vorderster Front
Professor Hermann Hofbauer
von der TU Wien oder Best-Geschäftsführer
Walter Haslinger
sowie das engagierte Konsortium
aus Urproduktion, Industrie
und Energiewirtschaft.
Der
notwendige Ausstieg aus fossiler
Energie, der wichtige Beitrag
der Land- und Forstwirtschaft
für die Energiewende, die damit
verbundene land- und forstwirtschaftliche
Nutzung sowie
Wertschöpfung sind meine
Hauptbeweggründe.
Welches Ziel verfolgen
Sie mit dem Reallabor?
Aus forstlicher Biomasse,
Schadholz, agrarischen und
anderen Reststoffen wird erneuerbarer
Treibstoff erzeugt,
der mittel- und langfristig Traktoren,
Mähdrescher, Maschinen
und Geräte antreiben wird.
Auch Kommunal- und Pistengeräte
sowie der Tourismus
können profitieren. Werden
die erwarteten Ergebnisse mit
dem Fischer-Tropsch-Verfahren
erzielt, sollen in Österreich
dann sieben bis neun Anlagen
mit einer Leistung zwischen
80 und 130 Megawatt erneuerbaren
Treibstoff herstellen und
Wertschöpfung in die Land- und
Forstwirtschaft bringen.
Wann wird es soweit sein?
Das soll in den nächsten Jahren
bis 2035 umgesetzt werden, wobei
die Wirtschaftlichkeit der
Anlagen gegeben sein muss.
Hat die Land- und Forstwirtschaft
genug Reststoffe?
Dezidiert ja. Die Fakten sprechen
für sich: Unsere Potenzialanalyse zeigt, dass der aktuell
20-prozentige Anteil der
Erneuerbaren, der forstlichen
Biomasse und der agrarischen
Reststoffe am Gesamtenergieverbrauch
für Verkehr, Mobilität,
Wärme und Strom sogar
verdoppelt werden könnte. Wir
gehen aber von keiner Verdoppelung
aus - die Zahlen zeigen
nur das vorhandene Potenzial.
Welche Vorteile erwarten Sie für
die Land- und Forstwirtschaft?
Erstens eine Stärkung der Wertschöpfung
in der Land- und
Forstwirtschaft.
Zweitens eine
90-prozentige CO2-Einsparung.
Und drittens können die
bestehenden Maschinen und
Geräte weiterverwendet werden - es ist kein Gerätetausch
erforderlich.
Können auch Flieger
betankt werden?
Kerosin ist Teil der Forschung
im Reallabor. Wir sind mit
den Verantwortlichen
des Flughafens Wien
und mit Fluglinien
im Gespräch.
Wann startet die Forschung?
In den nächsten Wochen und
Monaten erfolgen die weiteren
technischen Planungen
und Ausschreibungen. Baustart
ist 2025 und im Laufe des Jahres
2026 werden die ersten Forschungsarbeiten
beginnen. Die
gewonnenen Daten werden
dann auf eine tatsächliche industrielle
Anlage hochskaliert.
Blicken wir ins Jahr 2070.
Welche Vision haben Sie?
Vom Engagement aller Beteiligten
bin ich absolut begeistert.
Mit Blick auf die nächste
und übernächste Generation
soll dieser Treibstoff ein Mosaikstein
in der Bewältigung
der Klimakrise sein und Wertschöpfung
in die Land- und
Forstwirtschaft bringen.
07.10.2024
Autor:Klaus Engelmann, MSc / LK Steiermark